Der Elefant und sein Zwilling

Original (dunkel) und 3D-Druck-Zwilling im direkten Vergleich© Foto: Krauß
Original (dunkel) und 3D-Druck-Zwilling im direkten Vergleich© Foto: Krauß

Original (dunkel) und 3D-Druck-Zwilling im direkten Vergleich 

Pfarrei St. Ursula

Kunde

3D-Scan + FDM-Druck

Verfahren

53 × 37 cm

Figurgröße

100 Jahre

Abstand Original → Druck

HINTERGRUND

Eine Krippe mit einer Lücke seit 1922

Die Osterrieder-Krippe in St. Ursula, München-Schwabing, zählt zu den bedeutendsten Beispielen religiöser Volkskunst Bayerns. Ihre Figuren wurden 1922 erstmals aufgestellt und 1924 beim Schwabinger Künstler Sebastian Osterrieder erworben – vier Kamele, Pferde, Beduinen, Brunnen­frauen. Eines fehlte jedoch stets: ein Elefant als Reittier des afrikanischen Königs.

Pfarrer David Theil hatte den Wunsch nach einem Elefanten einmal in die Luft gehaucht – ein sehnsuchtsvoller Seufzer. Dann ruhte die Idee lange. Zum hundertjährigen Jubiläum der Krippe im Jahr 2022 wurde sie neu entfacht, als der Informatiker Markus Dichtl erste Mini-Figuren von Osterrieder auf seinem häuslichen 3D-Drucker fertigte.

Im Februar 2024 wandte sich Annette Krauß an unseren MakerSpace in Garching: Wäre es möglich, einen originalen Elefanten einzuscannen und in Originalgröße zu drucken?

„Das ›Ja‹ per Mail kam schnell. Aber ist es wirklich möglich, eine sehr ausdifferenzierte Elefanten-Figur, die von der Spitze des Stoßzahnes bis zum Schwanz 53 Zentimeter lang ist, in einem Drucker zu fertigen?"

Annette Krauß · Dezember 2024

 
PROZESS

01

Digitalisierung

3D-Scanning

Ein mobiler Handscanner – etwa so groß wie ein Reisebügeleisen – erfasst die Figur auf einem Drehteller von allen Seiten: hinter den Ohren, unterm Bauch, zwischen jeder Hautfalte. Jede nicht gescannte Stelle ergibt ein „Loch" im digitalen Modell.

02

Vorbereitung

Modell & Testdrucke

Das Scandaten-Modell wird bereinigt und für den Druck aufgeteilt. Mehrere Probe­drucke in verschiedenen Größen testen die Machbarkeit, prüfen Details und helfen, den optimalen Fertigungs­weg zu finden – inklusive notwendiger Stütz­streben.


 

03

Fertigung & Finish

Druck, Schliff & Farbfassung
 

Die Figur wird aus mehreren Bauteilen gedruckt, verklebt, sorgfältig abgeschliffen (Drucklinien weg, Hautfalten erhalten) und mit Grundierung vorbereitet. Die Farbfassung übernimmt Restauratorin Susanne Helfrich.

Von der historischen Figur zum 3D-Druck

Drei Phasen, mehrere Wochen, enge Zusammenarbeit zwischen MakerSpace-Expertinnen, Auftraggeber und Restauratorin.

SCANNING

360° – kein Fleck darf fehlen

Der entscheidende Schritt: Eine MakerSpace-Spezialistin führt den Handscanner mit ruhiger Hand rings um die Figur. Auf dem Computerbildschirm wächst das 3D-Modell in Echtzeit – jede Hautfalte, jede Zehe, die komplexe Unterseite.

Ein Elefant stellt dabei besondere Anforderungen: Die tiefen Einbuchtungen hinter den Ohren, der eingedrehte Rüssel, der Bereich unter dem Bauch und zwischen den Beinen – all das muss lückenlos erfasst werden. Erst wenn das digitale Modell vollständig und ohne „Löcher" ist, kann der erste Druckversuch starten.

Scannen des Orignialelefanten© Foto: MakerSpace

53cm

Länge

37cm

Höhe

100 Jahre

Zeitabstand

360º

Scan-Auflösung

3D-DRUCK

Parallelen über ein Jahrhundert

Beim Drucken zeigt sich eine verblüffende Analogie zur Arbeitsweise Osterrieders: So wie der Künstler vor 100 Jahren seine Gipsfiguren aus mehreren Formen zusammensetzte und montierte, wird auch der 3D-Druck aus mehreren Bauteilen zusammengesetzt und verklebt.

Auf dem Weg zur fertigen Figur erscheinen auf der Außenseite zunächst Stütz­streben, die anschließend entfernt und abgeschliffen werden – genug, damit die Schichten der Druckpaste unsichtbar werden, aber die charakteristischen Hautfalten erhalten bleiben.

Erste Elefantenfigur mit Stuetzstreben© Foto: MakerSpace

Erste Elefantenfigur mit Stützstreben.

Erste Scan-Versuche bei MakerSpace in Garching© Foto: Krauß

Erste Scan-Versuche beim MakerSpace in Garching.

Kleine Elefanten als Probe Drucke© Foto: Krauß

Probe­drucke in verschiedenen Größen.

Der fast fertig gedruckete Elefant wird montiert© Foto: MakerSpace

Montage der Bauteile.

Beide Elefanten im direkten Vergleich Seitenansicht© Foto: Krauß

Die beiden Elefanten im Vergleich – der dunkle ist das Original.

Beide Elefanten im direkten Vergleich Seitenansicht© Foto: Krauß

Die beiden Elefanten im Vergleich – der dunkle ist das Original.

ERGEBNIS

Original und Zwilling – ein Vergleich

Zwei Figuren, hundert Jahre auseinander, unverkennbar verwandt – und doch jede für sich einmalig.

 
DAS ORIGINAL • Ca. 1922

Sebastian Osterrieder, Schwabing

DER ZWILLING • 2024

MakerSpace, Garching

  • Material: Gips, Champagnerkreide, Tierleim, Wasser
  • Herstellung: Holzschnitzerei → Modeln → Positiv-Guss
  • Bekleidung: Lumpen in Leimwasser getaucht, getrocknet
  • Oberfläche: kunstvolle Farbfassung, 100 Jahre Patina
  • Gewicht: schwer (massiver Gipskorpus)
  • Unikat aus der Osterrieder-Serie der teuersten Tiere
  • Material: Kunststoff-Filament (FDM 3D-Druck)
  • Prozess: Scan → digitales Modell → Mehrteildruck → Klebung
  • Farbfassung durch Restauratorin Susanne Helfrich
  • Gewicht: deutlich leichter als das Gips-Original
  • Angeblich robuster als die Gipsfigur
  • Winzige Details im Scan nicht 100% reproduziert (Zehen, Schwanzfalte)
FAZIT

Zwei Zwillinge, hundert Jahre auseinander

Die originale Größe, die Lebendigkeit des afrikanischen Elefanten, seine Bewegung mit aufgesetztem linken Vorderfuß, die leicht aufgefächerten Ohren, der eingedrehte Rüssel, die vielen Hautfalten an Bauch und Beinen – all das stimmt. Der neue Elefant ist durch die Farbfassung von Restauratorin Susanne Helfrich dem Original verblüffend ähnlich: Stoßzähne wie Elfenbein, rosafarbene Rüsselspitze, ausdrucksvolle faltigen Augen.

Dank einer bestickten Satteldecke aus Seide, einem Traggestell, Jute-Rolle, Sandgewicht und afrikanischem Schmuck vervollständigt der neue Elefant nun als Begleittier des schwarzen Königs die Osterrieder-Krippe in St. Ursula – erstmals seit 1922 vollständig.

Seinen großen Auftritt hat er am 6. Januar, wenn die drei Könige aus Europa, Asien und Afrika im Stall von Bethlehem ankommen. Eine Frage bleibt: Wie würde Sebastian Osterrieder heute produzieren? Vielleicht würde er seine Holzschnitzvorlagen einscannen und statt Gips den 3D-Druck wählen.

Auftraggeber

Pfarrei St. Ursula, München Schwabing

Autorin: Annette Krauss